Zu Besuch an den UCKERMÄRKISCHEN BÜHNEN SCHWEDT bei Chefdramaturgin Sandra Zabelt

Die Uckermärkischen Bühnen Schwedt (ubs) sind ein Eigenbetrieb der Stadt Schwedt/Oder mit mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Als Einspartentheater mit eigenem Schauspielensemble werden die ubs von der Stadt, dem Land Brandenburg und dem Landkreis Uckermark gefördert und erreichen mit ihrem umfangreichen Veranstaltungsangebot aus Theater, Unterhaltung und Veranstaltungsservice jährlich rund 120.000 Zuschauer. Seit 2017 sind die ubs neben der neuen bühne Senftenberg Brandenburgisches Landestheater. Die Uckermärkischen Bühnen gibt es seit 1990, als das 1978 errichtete Kulturhaus und das Theater in einer bundesweit einmaligen Konstellation fusionierten. Am Standort Schwedt verfügt das Theater über sechs Spielstätten, darunter den Großen Saal mit mehr als 800 Plätzen und die Odertalbühne für Open-Air-Veranstaltungen an der Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße. Es versteht sich als Kulturzentrum für die gesamte Region.

Uckermärkische Bühnen Schwedt
Berliner Straße 46/48
16303 Schwedt/Oder

www.theater-schwedt.de

Ein sonniger Juliabend, die Wiese im Europäischen Hugenottenpark zwischen dem Theatergebäude und dem Oder-Neiße-Radweg füllt sich. Mehr als 500 Menschen warten zwischen theatralischem Vorspiel und Bratwurstduft auf die Vorstellungen auf der Odertalbühne und im intimen theater, die gleich parallel stattfinden werden. Es ist der letzte Tag einer schwierigen, von coronabedingten Schließungen und anderen Problemen geprägten Spielzeit, und volle Ränge sind auch in Schwedt nicht selbstverständlich. Deshalb freut sich Chefdramaturgin Sandra Zabelt umso mehr über dieses gelungene Finale. Die 45-jährige Theater- und Kulturwissenschaftlerin sieht darin bereits eine erste Antwort auf die Frage, welche Rolle der Tourismus für die Uckermärkischen Bühnen spielt. Und geht in unserem Gespräch auf Details ein.

Theater und Tourismus: Wie gehört das für die Uckermärkischen Bühnen Schwedt zusammen?

Da gibt es sehr starke Wechselbeziehungen, in beide Richtungen. Auf der einen Seite schaffen wir kulturtouristische Angebote, die Menschen in unsere Region ziehen. Die Odertal-Festspiele „Sommer am Fluss“, die großen Musicalproduktionen, die Angebote zum Jahresende. Unser Weihnachtsmärchen produzieren wir seit vielen Jahren zweisprachig und von den jährlich rund 18.000 kleinen und großen Märchenbesuchern, das war die Zahl aus der Zeit vor den coronabedingten Einschränkungen, kamen ungefähr 6.000 aus Polen. Auf der anderen Seite kommen wir auch deshalb auf so gute Besucherzahlen, weil hier Gäste und Urlauber aus anderen Regionen sind. Reisende auf Flußkreuzfahrtschiffen, Aktivurlauber, die mit dem Rad auf dem Oder-Neiße-Radweg unterwegs sind oder wandern, Besucher des Nationalparks Unteres Odertal oder Menschen, die zu Besuch bei der Familie sind. Für sie alle gehören eine Theatervorstellung, ein Konzert, eine Unterhaltungsveranstaltung, eine thematische oder szenische Stadtführung mit zum Programm, wenn sie in die Uckermark kommen. Wie wichtig uns das Thema Tourismus ist, zeigt auch, dass eine Mitarbeiterin 2013 im Rahmen eines vom Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderten Weiterbildungsprogramms ein Fernstudium in Tourismusmanagement absolvierte.

Das klingt nach einer engen Verbindung und Abstimmung mit Touristikern …

Unbedingt. Wir verstehen uns als Teil der Stadt, der Region. Als Plattform, als professioneller Dienstleister, als Kulturbetrieb. Der Verein MomentUM ist für uns ein enger und selbstverständlicher Partner. Wir vermarkten uns auf den touristischen Kanälen, in Veranstaltungskalendern und anderen Veröffentlichungen. Es gibt Kooperationen mit verschiedenen touristischen Anbietern. Zum Beispiel bietet das Schwedter „Brauwerk“ Menüs an, die Themen unserer Inszenierungen aufgreifen. Der TheaterBus wird in Kooperation mit der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft (UVG) realisiert, auch mit andere Busunternehmen gibt es eine Zusammenarbeit. Veranstaltungen mit Eventcharakter, zum Beispiel das am letzten Augustwochenende zum Spielzeitauftakt stattfindende „Dîner en Blanc“, wenden sich an ein sehr breites Publikum. Das alles sind Angebote und Leistungen, von denen Gäste und Uckermärker gleichermaßen profitieren. Weil zusätzliche Busse fahren, weil Gastronomen höhere Umsätze erzielen, weil mehr Veranstaltungen stattfinden. Menschen, die ins Theater gehen und von außerhalb kommen, buchen eine Übernachtung, kaufen ein, gehen essen. Als das Schwedter Stadtmuseum in Corona-Zeiten digitale Führungen entwickelte, haben Schauspieler unseres Ensembles die Texte eingesprochen. Dreisprachig, deutsch, englisch und polnisch. Das hat so gut funktioniert, dass es dasselbe jetzt auch für das Schifffahrtsmuseum Oderberg gibt.

Apropos polnisch. Kooperationen mit Polen gibt es nicht nur beim schon erwähnten Weihnachtsmärchen?

Zwanzig Prozent unserer Ensemblemitglieder sind zweisprachig, viele unserer Veröffentlichungen und Projekte sind es auch. Wir pflegen seit fast 30 Jahren enge Kooperationen mit polnischen Partnern, seit vier Jahren gibt es das Theaternetzwerk viaTeatri, das die Uckermärkischen Bühnen, die Oper im Schloss Stettin und das Theater Vorpommern Stralsund / Greifswald / Putbus gemeinsam im Rahmen eines INTERREG-Projektes ins Leben gerufen haben. Es gibt Busfahrten zu den Netzwerkpartnern, ein Rabattsystem, Inszenierungen mit Übertitelungen oder übersetzender Bühnenfigur und deutsch-polnische Theatertage. Dieses Netzwerk wollen wir weiter ausbauen. Auch durch dieses Netzwerk sind Menschen erstmals in Berührung mit der Uckermark gekommen. Und meist ist es ja so: Wer einmal hier war, kommt wieder.

Welche Rolle spielt die Tatsache, dass die ubs seit 2017 Landestheater sind?

Wir sind seitdem noch stärker mit eigenen Produktionen an Gastspielorten unterwegs.

Einerseits sehen wir uns dabei als Aushängeschild und Visitenkarte für die Uckermark. Andererseits spielen wir auch an Orten wie dem Dominikanerkloster Prenzlau oder dem Ahorn Seehotel Templin, wo zu unseren Besuchern natürlich auch viele Touristen gehören und wir gleichzeitig die Angebote dieser Einrichtungen erweitern. Und die Landesbühnentage, die wir im Sommer 2021 ausrichten durften, haben wiederum viele Menschen aus ganz Deutschland erstmals in die Region geholt. Sie waren nicht nur am und im Theater unterwegs, sondern konnten Stadt und Nationalpark kennenlernen. Ubs-Intendant André Nicke steigt nicht nur rezitierend aufs Theaterdach und sorgt damit deutschlandweit für Schlagzeilen, sondern ist auch leidenschaftlicher Fotograf und nimmt Theatermenschen zur Sonnenaufgangszeit mit an die schönsten Fotopunkte. Auch das verlockt zum Wiederkommen.

Zum Schluss bitte ein Blick in die Zukunft: Wie sieht es an den Uckermärkischen Bühnen Schwedt in zehn Jahren aus?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten, aktuell noch viel schwieriger als vor vier, fünf Monaten. Wir wissen nicht, wie sich der Standort Schwedt entwickeln wird, wir wissen nicht, welche Unterstützung für Einrichtungen der Kunst und Kultur es unter schwieriger werdenden wirtschaftlichen Bedingungen geben kann und wird. Doch ich halte ein Theater in einer Stadt und einer Region für sehr wichtig, auch und gerade in schwierigen Situationen, in Zeiten der Umbrüche und Auseinandersetzungen. Wir brauchen es als Ort der öffentlichen Auseinandersetzung, der Demokratie, der Bildung. Und, um auf unser Thema zurückzukommen, natürlich auch für einen Tourismus mit authentischem Bezug zur Region, den wir ja gern als nachhaltig bezeichnen und auf den wir hier setzen. Deshalb hoffe ich, dass ich hier in Schwedt in zehn Jahren nach wie vor an einem Theater arbeiten kann. An einem mit einem eigenen Schauspielensemble.

Interview geführt von Birgit Bruck

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