Jagd in Schutzgebieten

Da wanderst du nichtsahnend durch den herbstlichen Wald und plötzlich Absperrband quer über den Wanderweg – „Treibjagd. Bitte nicht betreten“ – mitten im Naturschutzgebiet. Gerade hier sollten doch Tiere und Pflanzen ihren Rückzugsort haben! Gerade hier sollte die Natur sich selbst überlassen sein! Wie passen Jagd und Naturschutz zusammen? Ein Gespräch mit Axel Schöning, verantwortlich für das Wildmanagement im Totalreservat Grumsiner Forst, bringt Aufklärung…

Welche grundsätzlichen Regeln gibt es für Jäger bzw. die Jagd?

Axel Schöning: Im Bundesjagdgesetz und im Brandenburgischen Jagdgesetz sind die grundsätzlichen Regeln der Jäger festgeschrieben.
Die wesentliche jagdliche Regelung auf Revierebene ist jedoch die amtlich bestätigte Abschussplanung. Jedes Jagdrevier hat einen amtlich bestätigten Abschussplan, an dem sich der Jagdverantwortliche ausrichtet und der zu erfüllen ist. D.h. es wird von der unteren Jagdbehörde genau festgelegt was und wieviel zu schießen ist, um einen gesunden und angepassten Wildbestand zu sichern.
Zudem gibt es eine Unfallverhütungsvorschrift Jagd, die die versicherungstechnischen Dinge regelt.
Die Jagd hat die Möglichkeit, Gebiete zu sperren, wenn eine Gefahr für Leib und Leben besteht. Es ist sogar eine Pflicht, die Sicherheit bei der Jagdausübung zu gewährleisten und mögliche Gefährdungen durch die Jagdausübung auszuschließen. Zudem ist es lt. Gesetz verboten, die Jagdausübung zu stören.

Ist die Jagd nicht ein Eingriff in die Natur?

Axel Schöning: Jagd ist grundsätzlich eine gesellschaftliche Aufgabe, die vom Gesetzgeber über das Bundesjagdgesetz geregelt ist. Das Jagdgesetz spricht hier von Jagdbezirken, die an Grund und Boden geknüpft sind, auf denen die Jagd auszuüben ist (§8 BjagdG).
Das bedeutet, dass alle Jagdbezirke, und dazu gehört auch die Kernzone (bzw. Totalreservat) Grumsiner Forst, rein vom Gesetz her zu bejagen sind.
Es ist dabei zu berücksichtigen, dass der jagdliche Eingriff nicht nur auf die Kernzone wirkt, sondern auch auf die umliegenden landwirtschaftlichen Flächen. Dies betrifft hier vor allem derzeit das Schwarzwild. Zudem stellt die Jagd einen regulierenden Faktor dar. Sie soll unerwünschte und nicht natürliche Entwicklungen in unserer überprägten Kulturlandschaft entgegenwirken.
Der Eigenjagdbesitzer mit dem größten Flächeneigentum (KLU e.V.) in der Kernzone Grumsiner Forst hat sich zur Jagd auf seinen Flächen umfassende Gedanken gemacht und ist zu dem Entschluss gekommen, die Flächen in der Kernzone nach einem fachlich fundierten Wildmanagementkonzept zu bejagen. Dies ist zusammen mit dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin erarbeitet worden und schlussendlich mit einer vertraglichen Vereinbarung zum Abschluss gekommen.
Es ist dabei allen bewusst, dass Jagd hier ein aktiver Eingriff in den Naturhaushalt darstellt, genauso wie grundsätzlich alle Aktivitäten der Menschen einen Eingriff in die Natur darstellt, wie auch oder gerade der Tourismus. Der Eingriff in die Natur durch die Jagdausübung im Grumsiner Forst soll jedoch zugunsten einer natürlichen Entwicklung des Waldes führen. Das Wildmanagement im Grumsiner Forst berücksichtigt dabei störungssensible Zeiten der Tiere , an denen keine Jagdausübung statt findet. Im Grumsiner Forst ist derzeit eine Jagdausübung nur von November bis Januar erlaubt.

Was genau bedeutet Wildtiermanagement?

Axel Schöning: Vorgabe des Wildmanagements ist es durch, u.a. jagdliche Maßnahmen, das Wild in seinem Bestand zu steuern, um damit eine weitestgehend potenziell natürliche Vegetation im Wald zu erreichen. Zudem erzeugt es eine konfliktarme Situation mit den Landnutzern außerhalb der Kernzone, sowohl auf den Feldflächen wie auch auf den angrenzenden Waldflächen, die durch einen übermäßigen Wildbestand von Wildschäden auf ihren Flächen beeinträchtigt sind.
Dies entspricht dem Naturschutz insofern, dass in der Verordnung des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin und in den Pflege- und Entwicklungsplänen des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin ein Wildmanagement auch vorgesehen ist, um naturschutzfachliche Ziele zu erreichen.
Daher ist hierin auch kein Widerspruch von Naturschutz und Jagd zu sehen, da mit der Jagd naturschutzfachliche Ziele erst erreicht werden sollen.

Wäre es nicht besser, den Wald sich selbst zu überlassen?

Axel Schöning: Für wen oder was wäre es besser die Kernzone Grumsiner Forst sich selbst zu überlassen?
Die Natur wird sich an den Rahmenbedingungen orientieren. Und die Rahmenbedingungen sind bei diesem kleinen Gebiet auch durch die umliegenden land- und forstwirtschaftlichen Flächen vorgegeben.
Gerade auf den landwirtschaftlichen Flächen stehen dem Wild nährstoffreiche Energiepflanzen zur Äsung zur Verfügung, die die Kondition des Wildes erhöhen und damit die natürliche Sterblichkeit verringern. Darüber hinaus führt eine gute Kondition wiederum zu einer höheren Reproduktionsrate.
Wenn viel Wild und damit Wildverbiss da ist, werden sich die konkurrenzstarken Arten im Wald durchsetzen. Von einem potenziell natürlichen Wald kann dann keine Rede mehr sein. Angemerkt sei hier, dass es sich nicht nur um die Gehölze handelt, sondern auch um krautige Pflanzen.
Ich unterstütze die Idee von einem absoluten Schutz des Grumsiner Forstes und den Buchenwald sich selbst zu überlassen. Dazu gehört dann aber auch, die Entwicklungen und die Resultate daraus zu akzeptieren. Es gehört aber konsequenterweise ebenso dazu, dass der Tourismus sich aus dem Buchenwald zurückzieht, um den störungssensiblen Arten, wie u.a. Schwarzstorch, Schreiadler oder Seeadler die Möglichkeit der Ansiedlung zu geben.
Dies würde auch bedeuten, dass die Wege nicht mehr unterhalten und damit zugänglich wären. Schlussendlich müsste von Seiten des Eigentümers darüber nachgedacht werden, das Gebiet grundsätzlich zu sperren, da die Verkehrssicherheit nicht mehr gewährleistet wäre.

Wildnis in der Kernzone ist ein schöner Gedanke, aber in Deutschland und gerade hier im Grumsiner Forst nicht mehr mit aller Konsequenz vorstellbar.

Angenommen, Luchs, Wolf, Wildkatze und Bär etablieren sich wieder dauerhaft in unseren Wäldern – wäre eine Jagd dann noch erforderlich?

Axel Schöning: Ich unterstütze die Wiederbesiedelung des Grumsiner Forstes mit Wolf, Luchs und Wildkatze, von mir aus auch Bär. Jedoch könnte für diese Tiere der Buchenwald nur ein Teilbesiedlungsraum sein, da er mit seinen knapp 750 ha viel zu klein ist.
Hinzu kommen die in weiten Teilen vernässten Flächen, die als Lebensraum für diese Arten ungeeignet sind.
Ich halte es für sehr fragwürdig, ob in unserer heutigen Kulturlandschaft die ehemaligen Prädatoren ihre Rolle im Naturhaushalt wieder vollständig überall übernehmen können.
Dazu ist unsere Landschaft zu sehr überprägt und es wird diverse Gebiete geben, die aufgrund der Störungsempfindlichkeit der Tiere nicht von diesen frequentiert werden.
Die Bejagung setzt dort an, wo es Missverhältnisse in der Natur gibt bzw. droht welche zu geben.
Aufgrund des kulturellen Landschaftsgebrauchs ist eine Rückkehr zu natürlichen Verhältnissen aus meiner Sicht in absehbarer Zeit nicht vorstellbar. Die Jagd bleibt daher als einziges regulierendes Instrument. Am Rande sei erwähnt, dass die Jagd zudem ein gesundes ökologischen Nahrungsmittel hervorbringt
Es mag vielleicht eine Zeit lang ohne Jagd funktionieren. Aber auf Dauer wird es zu Problemen mit den landnutzenden Menschen kommen, in die wieder steuernd einzugreifen wäre. Selbst wenn die Gesellschaft die Kosten zur Kompensation tragen würde, ist die Akzeptanz der Menschen vor Ort damit noch lange nicht erreicht. Wenn dann keine Jäger mehr da sind, stellt sich die Frage, wer dann diese Aufgabe übernimmt. Anmerken möchte ich dazu, dass Jagd auch viel auf Erfahrung basiert, die nicht so schnell wieder verfügbar ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

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